Fulminantes Konzertdebüt

“The Lords of the Chords” bei Ihrem Debüt-Konzert in der Marktkirche Bad Bergzabern

Von jenseits des Kanals kamen sie, um die Konzertsäle Europas und der Welt zu erobern, „The Dellers", „Hilliards", „The King's Singers" - der Zungenschlag des kultivierten A-Cappella-Gesangs rein männlicher Provenienz ist fraglos „very British" und werstrebt, sich dereinst in diese Traditioneinzureihen, wird ihn sich gerne auf die Fahnen schreiben. So mag der
Name „The Lord of the Chords" (für Pfälzer Zungen eine nicht ganz einfache Übung!) entstanden sein, mit dem ein Ensemble aus neun, teils blutjungen Gesangssolisten in Bad Bergzabern jetzt sein wahrlich fulminantes Debüt gab.
Um die durchweg bemerkenswerten Herren namentlich zu würdigen: Vier (teils auch falsettierenden) Tenöre, Maurice Croissant, Julian Pregardien (der, weiß Gott, seinem klangvollen Namen keine Schande macht), Daniel Schreiber und Florian Schmitt, desweiteren die drei Baritone Tobias Brommann, Frederik Diehl und Philip Niederberger, schließlich die Bässe Marcus Stäbler und Joe Roesler. Einige kommen aus der Pfalz, andere aus Regensburg, Berlin, Hamburg, Limburg. Gefunden haben sie sich in überregionalen Profi-Ensembles.
Am Ort des Geschehens, in der überfüllten Bergzaberner Marktkirche, beschleicht einen unwillkürlich das Gefühl, man wohne einem lange erwarteten Ereignis bei. Staubtrocken die Akustik, wogende Anspannung im Publikum; die Stimmung knistert so sehr, dass beim Eingangsstück, dem turbulenten, rhythmisch eng verzahnten und harmonisch äußerst querständigen „Haec dies" von William Byrd, noch spurweise Nervosität aufblitzt, sich in leichten Intonationstrübungen niederschlägt. Aber das bleibt Episode, schon beim Folgenden, der Psalmvertonung „De profundis clamabo" von Josquin des Prez, sind die kleinen Verschärfungen verflogen, alle Tugenden des Genres versammelt: Purer Wohlklang, kraftvoll, samtig, alert, rhetorisch präsent in funkelnden Facetten und gewaltigen dynamischen Bögen, dabei in höchstem Maße diszipliniert - da wird

noble solistische Abstinenz zugunsten des Klangganzen geübt, ist das subtile Hineinhören, Hineinspüren in den tonalen Kosmos vornehmstes Gebot, wird penibel und äußerst akkurat artikuliert; und doch auch wieder elegant, zuweilen lustvoll virtuos agiert. Und stets und ständig verneigt man sich in Bewunderung vor jeder einzelnen der schönen Stimmen, den lichten, fast schwerelos bis ins Falsettregister erblühenden Tenören, den brillanten, tiefschwarzen Bässen und den geschmeidig und sonor vermittelnden Brückenstimmen.
Charmant und wortgewandt führten Ensemble-Mitglieder abwechselnd durch ein höchst abwechslungsfreudiges Programm, das nicht zuletzt den erklärten Willen und das Vermögen (!) des jungen Ensembles zementierte, sich stilistisch in die Mehrkampfarena zu begeben. Im ersten (sakralen) Teil wurde nach den Vorrenaissance-Meistern Mendelssohn zitiert, sein „Periti autem" und das in atemberaubend schmeichelnden Pianos verschwebende „Beati Mortui". Kompositionen von Badings, Lauridsen, Nysted und die „Take-6"-Adaption von „O come all ye faithfull", hinreißend mitreißend musiziert, gestatteten Bekanntschaft mit teils abseitigen, teils populären Provinzen der neueren Musik.
National und epochal weit gespannt auch der Zirkel in der „profanen" Abteilung: Heitor Villa-Lobos („Na bahia tem"), Orlando di Lasso („Landsknechtständchen"), Hugo Aifven („Aftonen") und die köstliche Groteske von der „Ansprache des Bauern an seinen Ochsen", vertont von Heinrich Poos, beeindruckten durch die Authentizität ihrer Interpretationen ebenso wie Augustin Kubizeks Vertonung des isländischen Volkslieds „Des Teufels Ritt" und Mendelssohns temperamentvolles „Zigeunerlied". Dem „Traumlicht" von Richard Strauss, tieflotend, mit seinen flehentlichen Harmonien und seinem wehmütig zerschmelzenden Klang, so „hautnah" interpretiert, spürte man fast atemlos nach. Sehr jazzig, leidenschaftlich, mit g'spürigen Soloeinlagen gespickt und lustvoll losgelöst schwappte dann zum Ende die „Afrika"-Hymne (im Arrangement von Randy Crenshaw) ins hitzige Auditorium, mündete unmittelbar in tosenden Beifall. Zwei peppige Zugaben lang dauerte der Genuss noch fort - aber wir wollen doch hoffen, dass es dabei nicht lange bleibt. (Gertie Pohlit)