Reif für Euroklassik

"The Lords Of The Chords" in der Pirmasenser Johanneskirche

Den Namen des Vokalensemles, das am Samstag abend seinen ersten Auftritt in der Pirmasenser Johanneskirche hatte, sollte man sich merken: Das A-cappella-Ensemble "The Lords Of The Chords" hat sich mit seinem Auftritt in jedem Fall ein Engagement beim diesjährigen Musikfestival "Euroklassik" verdient, denn ein besseres Singensemble dieser Art ist wohl auch im weitern Umkreis nicht zu finden.

Da wurden an einige Stellen sogar Erinnerung an die "King's Singers" wach, die bei der Gründung des kleinen Chores als Orientierungspunkt für die Sänger dienten: das Programm-Konzept der "Lords" überzeugt für sich genommen schon und lässt keine Langeweile beim Zuhörer aufkommen. Kurz formuliert müsste man die Stückefolge mit "Vokal total" untertiteln, denn die Auswahl wird (fast) jeder Ausprägung von A-cappell-Gesang gerecht. Das beginnt bei den polyphonen Sätzen der Renaissance (wie etwa "Haec dies" von William Byrd mit einer markant hohen Männerstimme) und setzt sich über die Epochen weg fort bis in die Neuzeit.
Heute muss man feststellen, dass Vokalmusik fast einen ebenso hohen Stellenwert hat wie vor über 40 Jahren. Das belegen die gewachsene Zahl von Chören, die sich auch mit modernen Sätzen befassen, und auch die Vielzahl neuer Kompositionen. Neue Musik aus dem 20. Jahrhunder bedeutet eben nicht, dass man nur schwer verständliche, sehr experimentell klingende Sätze interpretieren muss. Viele Komponisten - dazu gehört mit Sicherheit auch Knut Nysted - gingen

den besseren Weg und schufen Kombinationen aus früheren Stilen und neuen Denkweisen, was sich vor allem in der nun viel freieren Harmonik ausdrückt. Natürlich geht dies weit über die traditionelle Vierstimmigkeit hinaus; Reibungsklänge sind gewollt und färben eine Komposition wie "Peace I Leave You". Das kann dann auch in dern jazzigen Bereich gehen und sich dessen Harmoniegrammatik bedienen. Ein wunderschönes Beispiel für solche Klänge ist das Traditional "If We Ever Needed The Lord Before", das die Möglichkeiten von anspruchsvoller Pop-Musik zeigt.
"The Lords Of The Chords" mischen alle Stilrichtungen, ohne dass es da Berührungsprobleme gäbe. So steht der amerikanische Komponist Billi Joel ("Piano Man") ebenso im Programm wie Francis Poulenc oder der brasilianische Komponist Hektor Villa-Lobos, den die meisten wohl von seinen Gitarrenwerken (vor allem den Preludes und den Etüden) her kennen. Doch eine tolle Stückeauswahl macht noch kein erfolgreiches Konzert; die Interpretation muss eben auch stimmen. Gerade da setzt das Ensemble in der Region in seinem Genre hohe Maßstäbe. Selten hat man Renaissance so klar und gut abgestimmt gehört. Der Chor verfügt mit Jochen Patscheke auch über einen ganz hervorragenden Altus als höchste Männerstimme, was natürlich einen großen Tonumfang möglich macht. Die neun Sänger aus ganz Deutschland und der Schweiz klingen, als gäbe es die Gruppe schon seit vielen Jahren. So genau wird hier gearbeitet, ohne Dirigent versteht sich. Auf dieses Projekt kann Bezirkskantor Maurice Croissant wirklich stolz sein: Er singt bei den "Lords" einen von drei Tenorparts.

Hans Scharf, Rheinpfalz Pirmasens