Traditionelles Weihnachtskonzert

Das traditionelle Weihnachtskonzert in der Stiftkirche Kaiserlautern - zusammen mit dem Rennquintett und Professor Helmut Freitag - war wieder ein Riesenerfolg: ausverkauft und restlos begeisternd. Die gewohnte klangliche Kombination aus Blechbläser-Ensemble und Orgel sowie Vokalstimmen hielt zwar an bewährten Modellen fest, füllte sich aber wieder mit neuen programmatischen Inhalten.

Wenn ein Ensemble (wie das Rennquintett) seit rund 20 Jahren Kathedralen, Konzertsäle und Open-Air-Festivals stets bis auf den letzten Platz füllt, und die Liste der CD-Einspielungen immer länger wird, wäre eigentlich auch die Berichterstattung müßig in der sich erschöpfenden Auflistung der bewährten Eigenschaften, wie etwa die an Perfektion grenzende Spieltechnik, die Souveränität und Solidität im Umgang mit dem wechselnden Instrumentarium; die Trompeter Uwe Zaiser und Peter Leiner wechseln auf Trompeten verschiedener Stimmungen und auf das Flügelhorn, der Posaunist greift auch mal zum Euphonium (Baritonhorn) während nur Sjön Scott (Horn) und Ralph Rudolph (Basstuba) ihr Instrument beibehalten. Kurz: Die spielerische und intonatoische Reinkultur, das akkurate Zusammenspiel, erklären den sensationellen Erfolg über Jahrzehnte gemeinsamer Produktion ebenso wenig allein wie die charmante Moderation Leiners oder die komödiantische Ader aller, die allerdings am Donnerstagabend nur Augen zwinkernd angedeutet wurde.
Wie hiermit angedeutet, die Auflistung wäre genauso langweilig wie die Wiederholung solcher Konzert in einer Zeit, die nach ständig Neuem giert. Und das ist der Schlüssel zum Erfolg: Dem Rennquintett fallen immer wieder neue Inhalte, Themenkomplexe ein, wie jetzt die Botschaft "Joy to the world" und sie graben aus Archiven immer wieder vergessene Raritäten aus; und die werden von ihren nicht minder erfolgreichen Arrangeuren neu aufpoliert und zudem meisten im Zeichen wechselnder Komponistenporträts aufeinander abgestimmt: Bei diesem Programm die Jubilare Grieg, Sibelius und Buxtehude, die den zentralen Mittelpunkt bildeten. Dass das Ganze dann noch

unter dem werbewirksamen Slogan "Von Bach bis Blues" firmiert, erhöht nur noch die Attraktivität und stilistische Offenheit solcher Programme.
Dass es diese Mal trotz der wieder nach oben verschobenen Leistungsgrenze (ohne die von Leiner sarkastisch befürchteten Alterserscheinungen) dann doch ein herausragendes Konzert (unter allen glanzvollen in der Stiftskirche) gab, lag auch an der weiteren sensationellen Entdeckung des denkwürdigen Abends: An der Mitwirkung des Männer-Vokalensembles "Lords of the Chords", das traditionelle und moderne Sätze weihnachtlicher Thematik (vom A-cappella-Stil der Renaissance bis zum Gesangsstil der King's Singers) eindrucksvoll aufführte: Höchste Falsett-Stimmen (die aber nie unnatürlich wirkten) verbanden sich mit Tenor, Barition und Bass zu einer nahtlosen klanglichen Einheit, so als würde Freitag an der Orgel einfach Register ziehen. Ohne jegliche Bruchstellen in der Melodie und Stimmführung, ohne Atem- und Phrasierungsprobleme entstehen in betörendem, schlanken, dezenten und subtil ausbalancierten Wohlklang große melodische Spannungsbögen, die in dieser Qualität und Expressivität ihresgleichen suchen.
Der Dreiklang aus brillianten Bläsern, verinnerlichten Vokalstimmen, fand in der Königin der Instrumente", der Orgel, seinen ruhenden und tragenden Grundton: J. S. Bachs berühmte Toccata und Fuge d-Moll wird oft gespielt; doch nur ganz wenige Interpreten beherrschen auch die satztechnischen Finessen, die harmonischen Wirkungen und rhythmischen Impulse in dieser Kombination aus spielerische Bravour, musikantisch-beseelter Gestaltungskraft und kristallener formaler Klarheit wie eben Freitag. Der machte auch eindringlich bewusst, dass der zum thematischen Bezugspunkt erkorene Buxtehude (vor 300 Jahren gestorben) mehr als nur ein Wegbereiter der norddeutschen Orgelschule ist. Seine Toccata mit Fuge und Ciacona in C-Dur waren bei Freitags hohem gestalterischen Einsatz ebenfalls Monumentalwerke, die er stringent in ihrem kompositorischen Gehalt ausreizte. Ob diese drei Interpreten nun einzeln, zusammen oder in wechselnden Klangkombinationen musizierten, sie öffneten an diesem Abend immer wieder neue Dimensionen des musikalischen Ausdrucks.

Reiner Henn