Virtuose Leistung ohne Starallüren

Perfektes Konzerterlebnis: Das „Rennquintett“ mit den „Lords of the Chords“ in der Bad Dürkheimer Schlosskirche

Es gibt Ereignisse, die das Publikum immer wieder zu Begeisterungsstürmen veranlassen. Man fragt sich, woran das liegen mag. Ist es die hohe musikalische Kunst, die so bezaubert? Der Mut, eingefahrene Wege zu verlassen und Neuland zu betreten, oder etwa die Vielfältigkeit der ausgewählten Mitakteure? Sicher von jedem etwas, aber noch viel mehr. Es ist die Freude, das Vergnügen, die Demut am und im eigenen Tun, die den Zuhörer gefangen nimmt und daran teilhaben lässt.
Die Rede ist von dem seit Jahren wiederkehrenden Besuch des „Rennquintetts“ in der Schlosskirche in Bad Dürkheim zwischen Weihnachten und Neujahr. In Bad Dürkheim wird wahr, wovon viele Veranstalter oft nur träumen: wenn das „Rennquintett“ auftritt, pilgern die Zuhörer bereits Stunden vor Konzertbeginn in die Kirche. So auch am Samstagabend. Es hat sich eben herumgesprochen, dass man an den trüben Tagen zwischen den Jahren an einem Geschehen teilhaben kann, das mehr ist als nur fast zwei Stunden Zeitvertreib. Dieses Mal komplettierten die „Lords of the Chords“, ein zehnköpfiges A-capella- Ensemble aus Profisängern aus ganz Deutschland mit Schwerpunkt in der Pfalz, das umwerfende Programm. Wiederum eine Gesangsgruppierung, die mit neuen, anregenden Facetten zum Gelingen beitrug. Ebenso bemerkenswert war die Einbindung der gerade renovierten und fertig gestellten Ott-Orgel der Schlosskirche in das Programm.
Gleich zu Beginn wurde die innige Vermählung des „Rennquintetts“ mit der Orgel mit Johann Sebastian Bachs berühmter „Toccata und Fuge in d-Moll“ zu einem prachtvollen, von wunderschöner Geschmeidigkeit geadelten Ohrenschmaus. Die Orgel spielte Tobias Brommann, Domkantor in Berlin und zugleich Bariton, Mitglied der „Lords of the Chords“. Mit einem strahlenden „Joy to the World“ in einer Version der Kings Singers gesellten sich die Sänger zu den Bläsern. Uwe Zaiser, Peter Leiner (Trompeten), Jochen Scheerer (Posaune), Sjön Scott (Horn) und Ralf Rudolph (Tuba)

waren nur hier am Anfang an einigen Stellen zu laut und überlagerten die Männerstimmen. Die launige, sachverständige Moderation Peter Leiners war der rote Faden, dem die Besucher erfreut und willig folgten. Das vielschichtige „Hodie Christus natus est“ von Giovanni Gabrieli der schlank-gepflegten Singstimmen wurde zu einer hingetupften, scheinbar flüchtigen Reminiszenz mit einem nachhaltigen Höreindruck beim Auditorium.
Der Jubilar-Huldigungsblock des „Rennquintetts“ mit Jean Sibelius‘ (50. Todesjahr) „Valse triste“, Edvard Griegs (100. Todesjahr) „Aus Holbergs Zeit“ und Dietrich Buxtehudes (300. Todesjahr) „Toccata und Fuge F-Dur“ gerieten zu reichhaltigen Höhepunkten mit verschmitzten, rhythmischen Ausreißern, vergnüglichen Tempi in einer Virtuosität ohne Allüren und großartigem Gestus. Von inniger Besinnlichkeit war „A little town of Bethlehem“ geprägt, während die A-capella- Stücke „Cantate Domino“ des Litauers Vytautas Miskinis und das „Notre père (Vater unser)“ des französischen Spätromantikers Maurice Duruflé zu einem Fest für die Sinne wurden. Alle Tugenden der Bläser-Hochkultur entfaltete das „Rennquintett“ mit dem beseelten „Dormine“ aus El Salvador, dem überschäumenden, argentinischen Weihnachts-Samba und dem betörenden US-amerikanischen Weihnachts- Medley. Beim „White Christmas“ oder dem „Jingle Bells“, das Gelegenheit zu stimmungsvollen, augenzwinkernden Soli gab, rannen dem Zuhörer wohlige Schauer über den Rücken.
Der nächste A-capella-Auftritt der „Lords of the Chords“ wurde zu einer einzigen, gesanglichen Offenbarung. Bereits das vielfarbige „O come all ye Faithful“ mit seinen wirkungsvollen Rhythmen und Klangfarben entzückte, aber Thomas A. Dorseys „If we never need the Lord before“ wurde zu einem zauberischen, unüberbietbaren Treffer. Feinste Nuancierungen in Agogik und Sprache wurden in herausragende Gesangsleistungen und mitreißende Rhythmen gekleidet, die auch die Bläser des „Rennquintetts“ kaum auf ihren Stühlen hielten. Dem folgenden Text des John-Rutter-Liedes „The very best time of year“, zugleich Motto des Abends, konnte der Besucher nur uneingeschränkt beipflichten. Die „Stille Nacht, Heilige Nacht“ beschloss das Konzert, doch ohne eine Klezmer- und Max-Reger-Zugabe durch „Rennquintett“ und „Lords of the Chords“ gab sich das Publikum natürlich nicht zufrieden.

Annette Weigert, Rheinpfalz vom 31. Dezember 2007